Dritte Arbeitssitzung des Parlamentarierkreises Antimikrobielle Resistenzen im Deutschen Bundestag
+++ Diagnostik, Surveillance und Versorgung
Berlin, 16.04.2026 – Im Deutschen Bundestag fand die dritte Arbeitssitzung des Parlamentarierkreises Antimikrobielle Resistenzen (PKAMR) statt. Im Mittelpunkt der Expert:innenvorträge und der anschließenden Diskussionen stand die zunehmende Herausforderung antimikrobieller Resistenzen als Belastungsprobe für die klinische Versorgung. Die Sitzung wurde von Stephan Albani MdB, Ko-Vorsitzender des PKAMR, eröffnet und geleitet.
Antibiotikaresistenzen als „stille Pandemie“
Prof. Dr. Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena gab einen Überblick zur Situation in Deutschland. Er hob die wachsende Belastung durch multiresistente Erreger hervor, die weltweit jährlich Millionen Todesfälle verursachen und daher häufig als „stille Pandemie“ bezeichnet werden.
Als zentrale Treiber nannte er den demografischen Wandel, den medizinischen Fortschritt sowie internationale Krisen und Konflikte. Vor dem Hintergrund der ökonomisch riskanten Entwicklung neuer Antibiotika und der begrenzten Wirksamkeit bestehender Substanzen durchzunehmende Resistenzen plädierte er für eine umfassende Bündelstrategie. Kern sei ein gekoppelter Steuerungsmechanismus, der die Vergütung von Reserveantibiotika an eine fachärztliche infektiologische Indikationsprüfung bindet. Ziel sei es, sowohl Unter- als auch Überversorgung zu vermeiden und die Wirksamkeit moderner Therapien langfristig zu sichern. Dies sei jedoch nur ein Teil der Lösung weitere Ansätze gegen Antibiotikaresistenzen, sieht er bei Impfungen zur Vermeidung bakterieller Infektionen, schnellere Diagnostik (Unterscheidung Virus/Bakterium), konsequentes Antibiotic Stewardship, und weiterhin die Entwicklung neuer Antibiotika, weil Resistenzentwicklung unvermeidbar ist .
Surveillance, Mobilität und Ausbruchsrisiken
Dr. Tim Eckmanns, Leiter des Fachgebiets nosokomiale Infektionen sowie Surveillance von Antibiotikaresistenz und -verbrauch am Robert Koch-Institut (RKI), erläuterte die Bedeutung der Mobilität innerhalb der EU für die Verbreitung resistenter Erreger. Antimikrobielle Resistenzen stellten eine erhebliche Gesundheitsgefahr dar, mit jährlich rund 9.600 direkt darauf zurückzuführenden Todesfällen in Deutschland. Als aktuelles Beispiel führte er die Opfer des Brands im Schweizer Skiort Crans-Montana an. Von zehn PatientInnen, die in das RKI eingeliefert worden waren, hatten fünf Resistenzen. Besonders besorgniserregend ist die prognostizierte Vervierfachung der Meldefälle von Carbapenemase-produzierenden Klebsiella pneumoniae, eine besonders gefährliche Art von Bakterien, deshalb auch bekannt als „Superreger“ bis 2025. Da Übertragungen maßgeblich innerhalb deutscher Krankenhäuser stattfinden, forderte Tim Eckmanns den Ausbau der integrierten genomischen Surveillance (IGS) sowie eine Vollerfassung von Verbrauchs- und Resistenzdaten. Um die hohen Kosten von Ausbrüchen zu vermeiden, sei eine nachhaltige Finanzierung von Infektionskontrolle und Antibiotic Stewardship zwingend erforderlich.
Rolle der Diagnostik im Antibiotic Stewardship
Dr. Maxime Ndolumingo, Leiter des Medical Affairs Teams bei bioMérieux und Vorstandsmitglied im Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH), betonte die zentrale Bedeutung moderner Diagnostik für einen zielgerichteten Antibiotikaeinsatz. Obwohl rund 70 Prozent aller klinischen Entscheidungen auf Laborbefunden basieren, entfallen lediglich 2,7 Prozent der Gesundheitsausgaben auf Diagnostik. Klassische Verfahren seien für akute Entscheidungen häufig zu langsam, weshalb innovative Methoden wie syndromische PCR oder Rapid AST entscheidend seien, um die Zeit bis zur optimalen Therapie deutlich zu verkürzen. Gleichzeitig behinderten unzureichende Vergütungsstrukturen sowie regulatorische Hürden die flächendeckende Implementierung. Gefordert wurde daher eine stärkere gesundheitspolitische Priorisierung der Diagnostik und ihre strukturelle Einbindung in die nationale AMR-Strategie.
Wirtschaftliche Herausforderungen im stationären Sektor
Sibyll Escher, Director Medical Affairs Infectious Disease and Immunology bei MSD, verwies darauf, dass bereits mehrere gesundheitspolitische Instrumente zur Förderung und Steuerung von Reserveantibiotika etabliert wurden. Dazu zählen die automatische Anerkennung eines Zusatznutzens im Rahmen des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG), eine verbindliche Definition von Reserveantibiotika sowie strenge Vorgaben für deren qualitätsgesicherte Anwendung. Flankiert werden diese Maßnahmen durch eine freie Preisbildung, die Einführung von OPS-Codes (Operationen- und Prozedurenschlüssel – amtliche alphanumerische Klassifikationen zur systematischen Dokumentation medizinischer Eingriffe, Operationen und therapeutischer Maßnahmen), eine Surveillance durch das Robert Koch-Institut sowie sogenannte „Transferable Exclusivity Vouchers“ als marktbasiertes Anreizsystem. Gleichzeitig betonte Escher eine wirtschaftliche Diskrepanz: Der medizinisch notwendige Einsatz von Reserveantibiotika werde im bestehenden Vergütungssystem nicht durchgängig angemessen abgebildet. Im Jahr 2024 wurden 1.541 Patient:innen mit diesen Therapien behandelt, bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 39 Tagen. Die aktuellen Fallpauschalen decken die damit verbundenen Kosten jedoch nur unzureichend ab. Zur Sicherstellung der Versorgung forderte sie eine verlässliche Refinanzierung, etwa durch Zusatzentgelte oder die Vergütung über Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB).
Diskussion und Fazit
Die Expert:innen waren sich einig, dass eine verbesserte Diagnostik und Surveillance zentrale Bausteine zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen sind. Dr. Eckmanns verwies darauf, dass jeder Resistenz-Ausbruch in einem Krankenhaus Kosten von etwa 300.000 bis 500.000 Euro verursache.
Prof. Dr. Frank Halling, Mitglied der Leitliniengruppe „Antibiotikaprophylaxe in der dentalen Implantatchirurgie“, gab zu bedenken, dass rund 80 Prozent aller Antibiotikaverschreibungen im ambulanten Bereich erfolgen – davon etwa 10 Prozent in Zahnarztpraxen –, dort jedoch bislang kaum systematische Daten erhoben werden.
Dr. Niels Pfennigwerth, stellvertretender Leiter des Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für gramnegative Krankenhauserreger, stellte kritisch fest: „Die mikrobiologische Surveillance in Deutschland steht auf dem Niveau eines Entwicklungslandes.“
Stephan Albani MdB erkundigte sich, ob die Resistenzentwicklung im aktuellen Gesetzesentwurf des Bundesgesundheitsministeriums berücksichtigt werde.
Harald Zimmer (vfa) und Dr. Timo Jäger (DZIF), Sprecher des Deutschen Netzwerks gegen Antibiotikaresistenzen, dankten den Teilnehmenden für die konstruktive Diskussion. Diese habe erneut deutlich gemacht, wie entscheidend die enge Zusammenarbeit aller Akteure im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen sei.