Gerechter Zugang zu innovativen Antibiotika – globale Herausforderungen und politische Handlungsoptionen

+++ Arbeitssitzung des Parlamentskreises Antimikrobielle Resistenzen

Berlin, 13. Januar 2026. Der Parlamentskreis Antimikrobielle Resistenzen (PKAMR) kam im Deutschen Bundestag zu seiner zweiten Arbeitssitzung in dieser Legislaturperiode zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie ein gerechter Zugang zu Antibiotika – insbesondere zu neuen Reserveantibiotika – auch in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) gewährleistet werden kann. Dabei wurde zugleich diskutiert, wie neue Anreizmodelle („Pull‑Mechanismen“) die Entwicklung dringend benötigter Antibiotika stärken können, ohne Fehlanreize für einen höheren Verbrauch zu setzen.

Eröffnet wurde die Sitzung von der Vorsitzenden Dr. Franziska Kersten, MdB. Ralf Sudbrak (DNAMR) vom Global AMR R&D Hub als Vertreter des DNAMR führte in das Thema Pull‑Mechanismen ein und stellte den Zusammenhang zwischen Forschungsanreizen und globalem Zugang heraus.

Den ersten Impuls gab Jasmin Behrends, Politische Referentin für Globale Gesundheit bei Ärzte ohne Grenzen (MSF). Sie machte deutlich, dass LMICs die größte Last antimikrobieller Resistenzen tragen – bei gleichzeitig häufig begrenzten Ressourcen, schwachen Gesundheitssystemen und unzureichender Diagnostik. Besonders in Krisen‑ und Konfliktregionen verschärfen zerstörte Infrastrukturen, beengte Lebensbedingungen, Mangelernährung sowie schlechte Wasser‑ und Hygienesituationen die Ausbreitung resistenter Infektionen. MSF arbeitet hierzu mit einem breiten Ansatz aus Infektionsprävention und -kontrolle, Antibiotic Stewardship, Diagnostik und dem Zugang zu etablierten wie neuen Antibiotika.

Behrends unterstrich zudem, dass Patientinnen und Patienten in LMICs häufig keinen verlässlichen Zugang zu lebensrettenden Antibiotika haben – sowohl zu lang etablierten essenziellen Wirkstoffen als auch zu Reserveantibiotika. Strukturelle Hürden führten dazu, dass neue Produkte in vielen Ländern erst Jahre nach der ersten Zulassung ankommen – oder gar nicht. Vor diesem Hintergrund betonte Behrends den Bedarf an neuen Pull‑Anreizen. Mit Blick auf die Reform der EU‑Arzneimittelgesetzgebung verwies sie auf die aktuell diskutierten Instrumente – insbesondere den Transferable Exclusivity Voucher (TEV) sowie ein (freiwilliges) Abonnementmodell für gemeinsame Beschaffung. Aus Sicht von MSF müssen Pull‑Mechanismen verbindlich mit einer globalen Zugangsstrategie verknüpft werden. Dazu gehören u. a.: zeitnahe Registrierung in LMICs, bezahlbare Preise, Transparenz zu Studien und Kosten, diversifizierte Produktion sowie die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen und multilateralen Initiativen.

 Peter Beyer, Deputy Executive Director der Global Antibiotic Research and Development Partnership (GARDP), stellte anschließend die Perspektive einer gemeinnützigen Produktentwicklungspartnerschaft vor. Er betonte, dass Entwicklung und Zugang zusammengedacht werden müssen – gerade bei Reserveantibiotika, die aus Gründen der Resistenzvermeidung bewusst sparsam eingesetzt werden und daher kommerziell oft nicht tragfähig sind. Beyer verwies außerdem auf regulatorische Hürden: In vielen afrikanischen Ländern erfolgen Zulassungen bislang überwiegend national statt regional, was Verfahren verlangsamt und Kosten erhöht; erste Ansätze für gemeinsame regionale Zulassungen seien jedoch in Entwicklung.

Als konkretes Beispiel erläuterte Beyer das Projekt zum von Shionogi entwickelten Reserveantibiotikum Cefiderocol. Hier zeigt sich, wie ein gemeinnütziges Zugangsmodell mit Industriepartnerschaft funktionieren kann: Shionogi arbeitet mit GARDP und der Clinton Health Access Initiative (CHAI) zusammen. Seit Juni 2022 ermöglicht eine Lizenz‑ und Kooperationsvereinbarung den Zugang zu Cefiderocol in bis zu 135 Ländern. GARDP kann das Medikament in diesen Ländern weiterentwickeln, registrieren, herstellen und vertreiben; CHAI unterstützt u. a. Technologietransfer, Marktgestaltung und Zugang in Afrika und Asien. Unterlizenzen sichern Produktion und Vertrieb, während Anforderungen an Qualität (u. a. WHO‑Präqualifizierung), Stabilität, Umweltstandards und Stewardship den verantwortungsvollen Einsatz unterstützen sollen. Gleichzeitig verdeutliche Cefiderocol, dass marktbasierte Anreize allein häufig nicht ausreichen – gerade bei Reserveantibiotika bleibt die wirtschaftliche Tragfähigkeit ohne zusätzliche Pull‑Mechanismen unsicher. Das Modell der TEVs, wie in der GPL der EU beschlossen, sei daher zu begrüßen, zumal zunächst neue Antibiotika verfügbar seien müssten, bevor die Fragen nach Zugang zu ihnen adressiert werden könnten.

Abschließend berichtete Pol Vandenbroucke, Vice President, Global Government Affairs bei Shionogi, aus Sicht eines forschenden Pharma‑Unternehmens. Er erläuterte, dass Shionogi für Cefiderocol verschiedene Zugangsoptionen geprüft und sich bewusst für eine Partnerschaft mit GARDP und CHAI entschieden habe, da ein rein kommerzieller Ansatz den gerechten Zugang in vielen LMICs nur schwer sicherstellen könne. Aus Unternehmenssicht erfordere globaler Zugang einen mehrgleisigen Ansatz, der Registrierung, Herstellung und Lieferkette, Diagnostik, Regeln zur angemessenen Anwendung (Stewardship) und Lebenszyklusmanagement zusammenführt. Zudem verwies er auf die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit und die Diskussion von Zugangs‑ und Finanzierungsmodellen, um Zugang, Qualität und verantwortungsvolle Nutzung miteinander zu verbinden.

Handlungsaufforderung an den Bundestag:
Die Bundesregierung sollte sich daher aktiv dafür einsetzen, dass Zugangsbedingungen (z. B. zeitnahe Registrierung, bezahlbare Preise, Transparenz und Stewardship) verbindlicher Bestandteil neuer wirksamer Anreizmodelle werden. Gleichzeitig gilt es, freiwillige Partnerschaften zwischen Industrie und gemeinnützigen Organisationen sowie regionale Zulassungsverfahren gezielt zu unterstützen, um dringend benötigte neue Antibiotika weltweit verfügbar zu machen.

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